Wesens- und Charaktermerkmale des Samojeden

 

Frei, wie jene Nomaden waren, frei und stolz waren auch ihre Hunde. Mensch und Hund war aufeinander angewiesen, und es ist heute noch etwas vom Stolz und der glücklichen, kindhaften Art des primitiven Volkes in jedem Samojeden zu finden. Es war eine Partnerschaft auf der Basis von Gleichheit. Deshalb ist auch der heutige Samojede ohne jegliche Unterwürfigkeit. Seine große Zuneigung zum Menschen ist ein natürliches Erbe. Er möchte immer mit ihm zusammen leben und an seinem Tun und Sein teilhaben. Ohne Unterwürfigkeit ist er des Menschen Freund. Die von jeher ständige Gesellschaft mit dem Menschen hat dem Samojeden ein fast unheimliches "menschliches Einfühlungsvermögen" gegeben.
Die Hunde gingen in den Zelten ein und aus und schliefen mit dem Menschen. Wenn heute Dein Samojede in Dein Bett springt, und sich neben Dich legt, dann denk an seine Heimat, wo es Sitte und Brauch war, dass sich der Hund zum Menschen legte, um ihn vor der arktischen Kälte zu schützen.
Als ständiger Begleiter des Menschen über Jahrhunderte und Hüter der Rentierherden über Generationen, hat dieser Hund eine einmalige Natur entwickelt, die nicht ihresgleichen in der Hundewelt hat. Arktische Sonne und Eis haben sein Fell gebleicht und die Haare mit einem eisigen Glanz überzogen. Von einer ausnehmenden Schönheit, stolzem Gebaren und einem freundlichen, aber tiefgründigen Blick ist der Samojede sicherlich eine der schönsten Hunderassen der Welt. Er ist ein liebevoller, sanftmütiger Lebensgefährte, ohne den üblichen Hundegeruch, absolut zuverlässig mit Kindern und niemals ein Unfriedestifter. Dennoch kann er sich behaupten und seiner Haut erwehren, wenn er gezwungen wird, zu kämpfen. Er liebt die Freiheit über alles und kann nicht an der Kette gehalten werden. Schon der Welpe zeigt all die typischen Charaktereigenschaften.
Es ist nicht schwer, die Freundschaft unseres "Sammy's" zu gewinnen und verlangt nur ein wenig Psychologie. Man darf aber nie grob zu ihm sein, denn er ist ein stolzer Hund mit festem Charakter, der seine Freiheit über alles liebt.

Wenn man sich ins Wesen eines Samojeden hineindenken kann und ihm verständlich macht, was man von ihm wünscht, lernt er gerne und arbeitet freudig. Zwar nicht so zackig wie die üblichen Gebrauchshunde, aber er eist für alles zu haben und leicht zu motivieren. Hauptsache, ihm ist es nicht langweilig, denn er ist von fröhlichem Gemüt, der es gerne lustig hat. Man muss ihn nur anschauen, seine leicht aufgezogenen und runden Mundwinkel verleihen ihm sein berühmtes Samojedenlächeln und in seinen dunkeln, mandelförmigen leicht schräg eingesetzten Augen sitzt der Schalt. Trotzdem braucht er eine gewisse Erziehung und darf sich nicht selbst überlassen werden. Denn als ehemaliger Nomadenhund ist er einkleiner Zigeuner geblieben, der keine Hemmungen hat, wenn er die Möglichkeit findet, selbständig auf Wanderschaft zu gehen, um erst zurückzukehren, wenn  er die weitere und nähere Umgebung gründlich auskundschaftet hat. Dass er dabei seine ehemalige Qualität als Jagdgehilfe der Nomaden ausnützt, ist verständlich.  So wird er sich nicht scheuen, alles zu jagen, was ihm vor die Pfoten läuft. Doch bei richtiger Haltung ist er so problemlos wie andere Hunderassen. Die Freude, einen solchen Hund zu besitzen, kann man nur erahnen, wenn man die Rasse richtig kennt.

Der Samojede ist für fast jede Arbeit zu gewinnen, nur als Schutzhund taugt er nicht, da ihm die dazu nötige Schärfe fehlt. Auch ist er kein unbestechlicher Wächter, denn er ist freundlich und zutraulich zu den Menschen. Was hatte der Hund jenes Nomadenvolkes auch groß zu bewachen, es war arm und hatte keine Güter, lebte von der Jagd, vom Fischfang und den Rentierherden. Kam einmal ein weit entfernter Freund oder Fremder vorbei, gab es ein großes Hallo, es  herrschte Freude und man teilte das bescheidene Mahl mit dem Gast. Aber auf seine Art bewacht der Samojede schon sein Territorium und meldet durch Gebell jeden ungewöhnlichen Vorfall ums Haus. Er eignet sich ausgezeichnet für Agility, als Fährtenhund dank seinem großen Spürsinn, als Rettungshund dank seinem Bewegungsdrang und seiner Ausdauer und natürlich ist er als Schlittenhund in seinem Element. Nicht so schnell wie der Husky, aber lauffreudig, ausdauernd und - sehr attraktiv.

 

(aus "Der Samoyede" von Erna Bossi)

 

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